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Die große Ausweisung 1938

»Räder müssen rollen für den Sieg« – die Kriegsjahre 1939 bis 1944

1945 – das letzte Kriegsjahr

Reparationszüge durch Frankfurt (Oder): Der Kolonnendienst

Großer Bahnhof 1950

Das Tor nach Deutschland – das Tor zur Heimat 1945–1994

1945 bis 1950: So viele Menschen – so viele Wege…

1950 – 1956: Spätheimkehrer, Aussiedler, neue Flüchtlinge…

1938

1956

Die große Ausweisung 1938

Mit den Expansionserfolgen der NS-Außenpolitik im Jahre 1938 – der »Anschluss« Österreichs (März 1938) und der Zergliederung der CSR im Ergebnis des Münchner Abkommens (September 1938) verschlechterten sich für die im deutschen Machtbereich lebenden Juden die Chancen auf eine Rettung durch Auswanderung. Mehrere Zehntausend aus Osteuropa stammende Juden lebten zu diesem Zeitpunkt als faktisch geduldete Personen im Deutschen Reich. Die Polnische Republik – die bis dato ein entspanntes außenpolitisches Verhältnis zu Berlin praktizierte – erließ in diesem Jahr 1938 ein neues Gesetz über die Staatsbürgerschaft, dessen Kernpunkt eine mögliche, von mehreren Bedingungen abhängige Aberkennung der Staatsbürgerschaft beinhaltete. Hiervon war zentral die Gruppe der aus Polen stammenden Juden im Deutschen Reich betroffen.

 

Zwischen Berlin und Warschau entstanden heftige Spannungen um den Umgang mit diesen Personen, die aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zeiten nach Deutschland gekommen waren, Bildungsmigranten, unter ihnen Marcel Reich-Ranicki, stellten eine besonders prominente Untergruppe dieser von möglicher Staatenlosigkeit betroffenen Menschen.

 

Im Stile einer – zuvor schon oft geübten – Politik der vollendeten Tatsachen begannen die deutschen Behörden in der Nacht zum 27. Oktober 1938 mit deren landesweiter Ausweisung. In höchst unwürdiger Vorgehensweise holte die Polizei die nicht vorgewarnten, bisher geduldeten Juden polnischer Herkunft aus ihren Wohnungen und stellte Sammeltransporte Jener zusammen, derer sie habhaft werden konnte. Die Reichsbahn transportierte die Ausgewiesenen über drei Streckenkorridore auf kürzestem Wege an die polnische Grenze, einer dieser Korridore führte von Berlin über Frankfurt / Oder bis nach Neu Bentschen, wo die polnische Grenze erreicht wurde.

 

Da die Polnische Staatsbahn die außerplanmäßigen Züge zurückweisen konnte, zwang man die Abgeschobenen, noch auf deutschem Boden die Züge zu verlassen und zu Fuß die Grenze zu übertreten. Dieses aber verwehrten die zunächst völlig überraschten polnischen Grenzbeamten, was die Ausgewiesenen zu tagelangem Verharren im unmittelbaren Grenzbereich zwang. Zum Niemandsland ihrer rechtlichen Position trat nun das erzwungene Kampieren im physischen Niemandsland hinzu.

 

Die Gruppe von Abgeschobenen, die den Bahnhof Frankfurt / Oder passierten, beläuft sich auf eine Dimension von etwa 5.000 bis 6.000 Personen, die zunächst improvisierte Unterkünfte im polnischen Grenzort Zbąszyń fanden. Weder der deutschen, noch der polnischen Seite aber war die Frage der Ausgewiesenen eine spektakuläre zwischenstaatliche Eskalation wert, bis in den Januar 1939 zogen sich die Verhandlungen um den Verbleib der Abgeschobenen, die letztlich in der überwiegenden Zahl der Fälle Aufnahme in Polen fanden.

 

Die große Ausweisung 1938 – vom polnischen Historiker Jerzy Tomaszewski als »Auftakt zur Vernichtung« beschrieben – war eine wichtige Zäsur für die sich nun rasant verschlechternden deutsch-polnischen Beziehungen im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges. Die Ausweisung betraf auch die Familie Grynszpan aus Hannover, deren Sohn, Herschel Grynszpan, am 7. November 1938 als Protestzeichen gegen die unwürdige Behandlung seiner Angehörigen ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat Ernst vom Rath in Paris ausführte und den Diplomaten tödlich verletzte. Das Attentat diente dem NS-Regime als Vorwand für den Pogrom vom 9. November 1938.

Autor

Prof. Dr. Werner Benecke

Weiterführende Literatur

Döscher, H.-J.: »Reichskristallnacht«. Die Novemberpogrome 1938, München 2000.,

Fuhrer, A: Herschel. Das Attentat des Herschel Grynszpan am 7. November 1938 und der Beginn des Holocaust, Berlin 2013.,

Tomaszewski, J.: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland 1938, Osnabrück 2002.

Rotary Club: Erinnerungsort Bahnhof Frankfurt (Oder)

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